Shoah in Lettland

Als die deutsche Armee am 21. Juni 1941 die Sowjetunion angreift, ist die politische Atmosphäre in Lettland sehr gespalten: ein Jahr zuvor hat die Sowjetunion im Rahmen des Nichtangriffspakts das Land besetzt.
Deshalb sehen viele lettische NationalistInnen im Angriff der Deutschen auch eine Chance, um sich wieder von der kommunistischen Linie der sowjetischen Besatzungsregierung „befreien“ zu können.
Die stalinistischen Verhaftungswellen hatten aber auch viele jüdische Menschen getroffen – unter den 19.000 Letten und Lettinnen, die im Laufe des Jahres in weit im Osten der SU gelegene Lager transportiert werden, sind 5.000 Juden und Jüdinnen.
Gleichzeitig gibt es in Lettland viele jüdische KommunistInnen und viele Russen und Russinnen, die mit der Sowjetunion den Kampf gegen die Deutschen aufnehmen wollen. Ab dem 22. Juni 1941, noch ohne unmittelbare Beteiligung der deutschen Truppen, brechen in bereits Riga Kämpfe aus – lettische NationalistInnen greifen die sowjetischen Besatzungssoldaten und ihre Verbündeten an, diese müssen sich zurückziehen. Armeeangehörige und junge lettische und russische AntifaschistInnen werden daraufhin mit Evakuierungstransporten der Roten Armee in den letzten Junitagen 1941 aus den großen Städten Richtung Osten gebracht – viele im Glauben, dass sie bald zu ihren Familien zurückkehren werden.
Auch Evas Familie – außer ihrem Bruder, der als Offizier in der Roten Armee kämpft – bleibt in Riga. Am 1. Juli 1941 erreicht der deutsche Vernichtungsfeldzug die lettische Hauptstadt. Bis auf wenige Menschen, die sich retten können oder versteckt werden, wird bis zum Dezember 1941 fast die gesamte verbliebene lettische jüdische Bevölkerung, mindestens 67.000 Menschen, bei von Deutschen initiierten und von Letten ausgeführten Pogromen und Massenerschießungen ermordet.
Noch immer wird die Erinnerung an die jüdischen Menschen und die Mitverantwortung der lettischen Bevölkerung durch Antisemitismus und aktive Täterschaft von der Erzählung über die „doppelte Besatzung“ Lettlands – die sowjetische und die deutsche – verdrängt.

Memorial im Wald von Bikernieki bei Riga

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.