Eva Vater

Von der Ballerina zur Rotarmistin

Als am 22. Juni 1941 die deutsche Armee den Hitler-Stalin-Pakt bricht und die Sowjetunion angreift, fallen auch in der lettischen Hauptstadt Riga die ersten Bomben.
Die politische Atmosphäre in Lettland ist zu diesem Zeitpunkt sehr gespalten: ein Jahr zuvor hat die Sowjetunion auf der Grundlage des Nichtangriffspakts das Land besetzt – viele lettische NationalistInnen sehen im Angriff der Deutschen auch eine Chance, um sich wieder von der kommunistischen Linie der sowjetischen Besatzungsregierung zu „befreien“. Die während der Besatzung stattfindenden stalinistischen Verhaftungswellen betreffen aber auch viele jüdische Menschen – unter den 19.000 Letten und Lettinnen, die im Laufe des Jahres in weit im Osten der SU gelegene Lager transportiert werden, sind auch 5.000 Juden und Jüdinnen.
Gleichzeitig gibt es in Lettland viele jüdische KommunistInnen und viele Russen und Russinnen, die mit der Sowjetunion den Kampf gegen die Deutschen aufnehmen wollen.
Ab dem 22. Juni 1941, noch ohne unmittelbare Beteiligung der deutschen Truppen, brechen in bereits Riga Kämpfe aus – lettische NationalistInnen greifen die sowjetischen Besatzungssoldaten und ihre Verbündeten an, diese müssen sich zurückziehen. Armeeangehörige und junge lettische und russische AntifaschistInnen werden daraufhin mit Evakuierungstransporten der Roten Armee in den letzten Junitagen 1941 aus den großen Städten Richtung Osten gebracht – viele im Glauben, dass sie bald zu ihren Familien zurückkehren werden. Eva Vater ist zu diesem Zeitpunkt 18 Jahre alt. Am 27. Juni verlässt sie Riga mit einem der letzten Evakuierungstransporte für junge KommunistInnen, am 1. Juli 1941 erreicht der deutsche Vernichtungsfeldzug die lettische Hauptstadt.
Evas Familie, außer ihrem Bruder, der als Offizier in der Roten Armee kämpft, ist in Riga geblieben. Sie wird, wie 67.000 andere lettische Juden und Jüdinnen, bei von Deutschen initiierten und von Letten ausgeführten Pogromen und Massenerschießungen ermordet.

In einem sowjetischen Armee-Ausbildungslager wird innerhalb von wenigen Monaten aus dem jungen Mädchen, das einmal Ballerina werden wollte und das sich vor allem für klassische Musik und Sprachen interessiert, eine zur Sanitäterin ausgebildete Rotarmistin. Als eine von insgesamt 500.000 Juden und Jüdinnen in der Roten Armee kämpft Eva zwischen 1941 und 1945 gegen die Deutschen.
Nach dem Sieg der Alliierten kehrt sie, als eine der wenigen überlebenden JüdInnen Lettlands, zurück nach Riga. Sie studiert Medizin, wird in den 1950er Jahren zur Arbeit als Gynäkologin in die lettische Provinz geschickt. Später zieht sie mit ihrem Sohn Juri zurück nach Riga und arbeitet 25 Jahre als Betriebsärztin.
Nach ihrer Pensionierung verfasst Eva ihre Autobiografie, ein Lexikon, in dem nahezu alle jüdischen KämpferInnen Lettlands in den alliierten Armeen Erwähnung finden, eine Enzyklopädie der jüdischen Ärzte Lettlands und eine Gedenkschrift für 200 junge jüdische Frauen, die mit ihr an der Front kämpften. Sie beginnt Gedichte zu schreiben, besonders nachdem sie mit 75 Jahren im Jahr 1998 nach Israel ausgewandert ist. Eva Vater lebt in Tel Aviv und feiert im August 2012 ihren 90. Geburtstag.

 

 

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